Einführung ins Leitbild 2026 – 2036
In Graubünden soll auch in Zukunft die dezentrale medizinische Grundversorgung für Bevölkerung und Gäste garantiert sein. Deshalb wurde das Gesundheitsleitbild des Kantons überarbeitet. Den Leistungserbringenden im Kanton - insbesondere den Spitälern - soll dadurch Sicherheit in der eigenen Strategieentwicklung ermöglicht werden. Kern des neuen Leitbildes sind die Versorgungsmatrix und fünf strategische Handlungsfelder, die die Stärkung der Gesundheitsversorgungsregionen und eine Neu-Kategorisierung der Spitäler im Kanton vorsehen.
Vorwort
Wie sieht das Gesundheitswesen im Kanton Graubünden im Jahr 2036 aus? Welche Krankheitsbilder werden die Patientinnen und Patienten, das Pflegepersonal und die Medizinerinnen und Mediziner dann beschäftigen? Welche technologischen Entwicklungen haben in zehn Jahren in den Alltag der Gesundheitsversorgung Eingang gefunden? Und wie sieht die Bevölkerungsstruktur des Kantons in zehn Jahren aus?
Solche Fragenstellungen bilden die Ausgangslage für die Entwicklung des neuen Leitbilds zur dezentralen Gesundheitsversorgung im Kanton Graubünden.
Graubünden ist in Sachen Gesundheitsversorgung ein Spezialfall: Zwar sind auch hier ab und zu verstopfte Strassen für einen raschen und gleichberechtigten Zugang ein Hindernis. Hauptsächlich aber sind es die durch Berge und Täler gegebenen natürlichen Distanzen. Zudem schwankt die Bevölkerungszahl im Kanton durch den Tourismus erheblich. Zwischen Weihnachten und Neujahr verdoppelt sich diese sogar regelmässig. Auch diesem Umstand muss unser Gesundheitswesen Rechnung tragen.
Graubünden nimmt bei der Entwicklung der ständigen Wohnbevölkerung eine spezielle Position ein: Schon heute haben wir eine tiefere Geburtenrate als die übrige Schweiz. Und schon heute ist unsere Bevölkerung in gewissen Tälern überdurchschnittlich alt. Entsprechend ist die natürliche Bevölkerungsentwicklung in Graubünden negativ: Es sterben mehr Leute als geboren werden. Das insgesamt leicht positive Bevölkerungswachstum gründet auf Zuwanderung.
Damit medizinisches Fachwissen von der Prävention bis zur Akutpflege im Kanton für die gesamte Bevölkerung zugänglich bleibt, brauchen wir auch künftig Fachpersonen, die ihr Wissen vermitteln und anwenden können. Die digitalen und technologischen Entwicklungen unterstützen uns dabei. Zentral für die Patientinnen und Patienten bleibt jedoch der Wissensaustausch unter den Fachpersonen aller Bereiche. Je besser die Koordination zwischen Spitex, Hausarzt, Therapeutin, Spital und Altersheim funktioniert, desto grösser ist der Nutzen für die einzelnen Patientinnen und Patienten und ihre Angehörigen. Das ist der Sinn der integrierten Versorgung. Der Gewinn kommt uns allen zugute.
An dieser Stelle gebührt all jenen ein herzliches Dankeschön, die sich für die Gesundheitsversorgung im Kanton engagieren und dazu beitragen, dass diese auch in Zukunft auf einem guten Fundament steht!

Peter Peyer, Regierungsrat, Vorsteher Departement für Justiz, Sicherheit und Gesundheit
Ist-Zustand
Eine gesunde Bevölkerung
Die Gesundheitsversorgung im Kanton Graubünden steht gemäss dem Obsan-Bericht 04/2025 Gesundheit im Kanton Graubünden | OBSAN, auf einem soliden Fundament und weist im schweizweiten Vergleich mehrere Stärken auf. Die Bevölkerung lebt insgesamt gesund, ist körperlich aktiver als der nationale Durchschnitt und erfreut sich einer hohen Lebenserwartung. Es werden sogar leicht weniger ambulante und stationäre Leistungen in Anspruch genommen als im landesweiten Durchschnitt. Besonders erfreulich ist zudem, dass sich ältere Menschen im Kanton überdurchschnittlich gut im digitalen Raum zurechtfinden. Das eröffnet neue Chancen für eine moderne, patientennahe Versorgung.
Gleichzeitig steht die Gesundheitsversorgung im Kanton vor tiefgreifenden Veränderungen. Diese ergeben sich aus der demografischen Entwicklung, dem Fachkräftemangel, dem medizinisch-technischen Fortschritt und den steigenden Ansprüchen der Patientinnen und Patienten.
Diese Entwicklungen erfordern eine vorausschauende Planung. Denn die Versorgung der Patientinnen und Patienten soll auch künftig optimal gestaltet werden. Die integrierte Versorgung gewinnt dabei an Bedeutung: Schnittstellen zwischen Hausärztinnen und Hausärzten, Rettungsdiensten, Spitälern, Langzeitpflege, Spitex, Apotheken und weiteren Leistungserbringenden müssen besser miteinander verknüpft und aufeinander abgestimmt werden. So kann eine kontinuierliche, qualitativ hochwertige und effektive Betreuung sichergestellt werden.

Medizinische Grundversorgung
Für die strategische Weiterentwicklung des Gesundheitssystems in Graubünden nehmen die medizinische Grundversorgung und die Pflege eine zentrale Rolle ein. Hausärztinnen und Hausärzte sowie die regionalen Gesundheitszentren, Regionalspitäler, Kliniken, Spitex und Pflegeinstitutionen sichern die Grundversorgung in der ambulanten und stationären Akutsomatik, Psychiatrie sowie Pflege ab. Sie sind die ersten Anlaufstellen der wohnortnahen Versorgung und bilden damit das Rückgrat eines funktionierenden integrierten Versorgungssystems. Mit ihnen spielen die weiteren Akteurinnen und Akteure des Gesundheitswesens zusammen; die Leistungserbringenden des Gesundheitswesens, die gemeinsam eine flächendeckende und bedarfsgerechte Betreuung der Bevölkerung gewährleisten. Eine Schlüsselrolle hat das Kantonsspital Graubünden (KSGR) inne: Als Zentrumsspital mit einem breiten Angebot in der hochspezialisierten Medizin und überregionaler Verantwortung trägt es wesentlich zur Stabilität, Qualität und Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung im Kanton bei. Gleichermassen übernehmen die Psychiatrischen Dienste Graubünden (PDGR) eine tragende Funktion in der zentralen und dezentralen psychiatrischen Versorgung.
Systemänderungen bei der Finanzierung
Parallel zur strategischen Ausrichtung der Gesundheitsversorgung stellen sich auch grundlegende finanzielle Fragen. Mit der Einführung des neuen Tarifwerks TARDOC mit ambulanten Tarifen und Pauschalen verändern sich die Rahmenbedingungen in der ambulanten Versorgung substanziell. Die damit verbundenen konkreten Auswirkungen sind derzeit noch offen. Weiter bringt die Umsetzung von EFAS (Einheitliche Finanzierung ambulanter und stationärer Leistungen) grundlegende Systemveränderungen mit sich. Der Kanton wird die Finanzierung seiner Gesundheitsversorgung künftig in diesen Kontext stellen und aktiv mitgestalten, um Versorgungssicherheit, Qualität und Finanzierbarkeit langfristig zu gewährleisten.
Vor diesem Hintergrund formuliert der Kanton Graubünden mit diesem Leitbild die Grundsätze und Zielsetzungen für eine zukunftsfähige, verlässliche und kooperative Organisation der Gesundheitsversorgung für die kommenden Jahre.
Grundsätze
Zukunftsgestaltung
Die demografische Entwicklung stellt Graubünden vor besondere Herausforderungen: Geburtenrückgang und ein schwaches Bevölkerungswachstum in weiten Teilen des Kantons sowie eine zunehmend ältere Bevölkerung wirken sich langfristig auch in den Regionen aus. Die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen steigt, während die künftige Verfügbarkeit von Fachpersonal sinkt.
Der Kanton Graubünden bekennt sich deshalb zu einer vorausschauenden und nachhaltigen Gestaltung der Gesundheitsversorgung für die kommenden zehn Jahre. Diese Weiterentwicklung erfolgt im engen Dialog mit allen relevanten Akteurinnen und Akteuren und berücksichtigt gesellschaftliche, technologische sowie ökonomische Rahmenbedingungen. Neue digitale und technologische Möglichkeiten, innovative Versorgungsmodelle und die stärkere Vernetzung der Leistungserbringenden sind zentrale Antworten auf die demografischen Veränderungen und tragen dazu bei, eine qualitativ hochwertige, wohnortnahe und zukunftsfähige Versorgung sicherzustellen.
Szenarien zur Bevölkerungsentwicklung der Schweiz und der Kantone 2025–2055 (Referenzzenario)5
Der Altersquozient gibt Aufschluss darüber, wie das Verhältnis zwischen der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter und der Bevölkerung im Rentenalter ist. Ein Altersquotient von 60 bedeutet: auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter kommen 60 Personen im Rentenalter.
Dezentrale Versorgung
Die dezentrale Gesundheitsversorgung wird aus regionalpolitischen, wirtschaftlichen und sozialräumlichen Gründen im gesamten Kantonsgebiet gezielt gefördert und für die Zukunft gesichert. Sie ist ein zentraler Beitrag zur Chancengleichheit in der Gesundheitsversorgung und stärkt gleichzeitig die Standortattraktivität der Regionen. Zentral ist dabei, dass in den Regionen ein bedarfsgerechtes Basispaket in der Akutsomatik und der psychiatrischen Versorgung sichergestellt ist und das gesamte Kantonsgebiet flächendeckend mit pflegerischer Versorgung und einer verlässlichen Rettungs- und Notfallversorgung abgedeckt ist.
Bei der Planung und Weiterentwicklung der Versorgungsstrukturen ist weiteren kantonsspezifischen Besonderheiten Rechnung zu tragen. Berücksichtigt werden muss die ausgeprägte Saisonalität einzelner Regionen. Insbesondere im Engadin und in der Region Davos, sowie auch in der Surselva wächst die anwesende Bevölkerung vor allem in den Wintermonaten zeitweise enorm an. Diese saisonalen Schwankungen führen zu erheblichen Mehrbelastungen der bestehenden Versorgungsstrukturen und erfordern eine flexible, anpassungsfähige Organisation der Gesundheitsversorgung.
Neben Topografie und Saisonalität ist auch die Mehrsprachigkeit im Kanton Graubünden eine Herausforderung in der Gesundheitsversorgung: In den Südtälern wird Italienisch gesprochen, in anderen Regionen Deutsch und Rätoromanisch. Diese sprachliche Vielfalt stellt besondere Anforderungen an die Ausgestaltung von Kooperationen, an die Bündelung von Angeboten sowie an die Kommunikation entlang der Versorgungskette. Versorgungsmodelle, Informationsangebote und digitale Instrumente müssen so ausgestaltet sein, dass sie den unterschiedlichen Sprachregionen gerecht werden und den gleichberechtigten Zugang zur Gesundheitsversorgung sicherstellen.
Das Leitbild trägt diesen Realitäten Rechnung, indem es bewusst Raum für saisonale Versorgungsstrukturen, skalierbare Angebote sowie temporäre Kapazitätsanpassungen lässt. Gefördert werden darüber hinaus Kooperationen und Vernetzungen zwischen den Leistungserbringenden, gemeinsame Logistiklösungen sowie die Entwicklung mehrsprachiger digitaler Instrumente wie Patientenportale, die eine koordinierte Versorgung aus einer Hand entlang der gesamten Versorgungskette ermöglichen.
Die Organisation des Leistungsangebots unter einem Dach innerhalb definierter Versorgungsregionen bleibt ein strategisches Ziel. Die erfolgreiche Umsetzung setzt aber ein hohes Mass an Kooperationsbereitschaft der politischen Gemeinden und Leistungserbringenden in den Gesundheitsversorgungsregionen voraus. In gemeinsamer Verantwortung entstehen tragfähige, regionale Lösungen.
Zentrumsversorgung und Kooperationen
Das Kantonsspital Graubünden übernimmt als Zentrumsspital eine doppelte Funktion: Einerseits stellt es die Basisversorgung für die Region Chur und das Churer Rheintal sicher, andererseits fungiert es als spezialisierte Klinik für Zuweisungen aus den Regionalspitälern. Die Steuerung durch den Kanton als wesentlicher Finanzierer ist neu zu definieren.
Die Psychiatrischen Dienste Graubünden (PDGR) sind die zentrale Anlaufstelle für Menschen mit psychischen Erkrankungen im Kanton. Sie leisten einen wesentlichen Beitrag zur Gesamtkoordination sowie zur Aus- und Weiterbildung von Fachkräften.
Beide Zentrumsinstitutionen arbeiten als Knotenpunkte eng mit den Regionalspitälern und weiteren Partnern zusammen, um Wissen, Ressourcen und Behandlungsangebote optimal zu vernetzen.
Die Zusammenarbeit zwischen den Gesundheitsversorgungsregionen ist verbindliche Grundlage der zukünftigen Angebotsplanung. Die Regionalspitäler koordinieren ihre Leistungen untereinander und stimmen sich mit dem Zentrumsspital ab. Wo medizinisch, qualitativ und wirtschaftlich sinnvoll, sollen Angebote überregional gebündelt und an definierten Standorten konzentriert werden. Dadurch können Leistungen – insbesondere in der Akutsomatik – gemeinsam, abgestimmt und effizient erbracht werden.


Digitale Transformation
Das Gesundheitswesen im Kanton Graubünden ist nur zukunftsfähig, wenn es mit den digitalen Entwicklungen Schritt halten kann. Deshalb soll die digitale Transformation aktiv gefördert und als Querschnittsaufgabe konsequent in alle Planungs- und Entwicklungsprozesse integriert werden. Ziel ist es, die Effizienz zu steigern, die Zusammenarbeit zwischen den Leistungserbringenden zu verbessern und für Patientinnen und Patienten den Zugang zur Gesundheitsversorgung zu erleichtern.
Gemeinsame Plattformen für Logistik sowie digitale Lösungen wie Klinikinformationssysteme und Patientenportale, ermöglichen den sicheren Datenaustausch, eine transparente Kommunikation und eine kontinuierliche Versorgung entlang der gesamten Behandlungskette.
Integrierte Versorgung
In der integrierten Versorgung werden Gesundheitsleistungen systematisch sektoren- und berufsgruppenübergreifend koordiniert und zwar entlang der gesamten Versorgungskette – von der Prävention über die Akutbehandlung und Rehabilitation bis hin zur Langzeitpflege. Auf diese Weise soll die Patientenzentrierung, die Qualität und die abgestimmte Versorgung verbessert werden.
Im Zentrum steht nicht die einzelne Institution, sondern die Patientin bzw. der Patient resp. deren Behandlungsweg. Mit einer integrierten Versorgung werden medizinische, pflegerische, therapeutische und soziale Leistungen strukturell, organisatorisch und zunehmend auch digital miteinander vernetzt. So können Doppelspurigkeiten vermieden, Schnittstellen reduziert und Behandlungsergebnisse optimiert werden.
Integrierte Versorgung umfasst dabei:
- Vertikale Integration (z. B. Hausarzt – Regionalspital – Langzeitpflege)
- Horizontale Integration (z. B. Kooperation zwischen mehreren Regionalspitälern und Zentrumsspital)
- Interprofessionelle Zusammenarbeit (Ärztinnen/Ärzte, Apotheken, Pflege, Therapien, Sozialdienste etc.)
- Digitale Integration (Datenaustausch, gemeinsame Informationssysteme, Patientenportale)
Behandlungspfad einer erfolgreichen integrierten Versorgung:

Überarbeitung Altersleitbild
Parallel zur Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung hat das Gesundheitsamt den Prozess zur Überarbeitung des kantonalen Altersleitbilds eingeleitet. Dieser erfolgt unter breiter Mitwirkung relevanter Akteure und Anspruchsgruppen.
Im Rahmen dieses Prozesses wird auch eine langfristige Bettenplanung für die kommenden Jahrzehnte erarbeitet. Diese zielt darauf ab, den zukünftigen Bedarf in der stationären Langzeitpflege sowie bei Übergangs- und Entlastungsangeboten fundiert zu analysieren und regional abgestimmt zu planen.
Das Altersleitbild ist inhaltlich eng mit dem Leitbild Gesundheitsversorgung verknüpft. Zentrale Schnittstellen bestehen insbesondere in den Bereichen integrierte Versorgung, Koordination zwischen Akut- und Langzeitbereich, dem Prinzip „ambulant vor stationär“ sowie der Versorgungsplanung. Eine abgestimmte Planung ermöglicht es, demografische Entwicklungen, veränderte Versorgungsbedarfe und regionale Besonderheiten frühzeitig zu berücksichtigen.

